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Angel

Gedanken über die Zukunft des HTPC

Bewertung: 3 Stimmen mit einer durchschnittlichen Bewertung von 5,00.
von am 18.11.2010 um 19:04 (3657 Hits)
Ich mache mir schon seit einer Weile Gedanken über die Zukunft von Hifi-Geräten und HTPCs. HTPCs, also vollwertige PCs mit einer übergestülpten Media-Oberfläche, halte ich zwangsläufig für einen Kompromiss, für einen Zwischenschritt. Doch was kommt danach?

Microsoft verbessert seine Media-Center-Oberfläche zwar von Release zu Release immer weiter und meiner Meinung nach lässt sie klassische PVRs und BD-Player längst alt aussehen. Doch ist sie verhältnismäßig geschlossen, die online abrufbare Extras-Bibliothek wird nicht richtig gepflegt und insgesamt ist die Plugin-Architektur recht einfach gehalten; dazu kommt, dass WMC weiterhin nur eine Erweiterung von Windows bleibt und einen normalen (HT)PC erfordert. Was ist das Problem an einem HTPC? Nun, er ist teuer, es gibt kaum brauchbare Fertigangebote und Selberbauen kommt nur für Nerds in Frage, er ist fehleranfällig, bedarf viel Wartung und verbraucht verhältnismäßig viel Energie (Ausnahmen wie Mac Mini bestätigen die Regel). Ein HTPC ist wie ein Kartenhaus: er mag für einige wenige faszinierend sein, ist dabei aber sehr empfindlich und speziell.

Auf der anderen Seite (die ollen normalen Hifi-Abspielgeräte bereits außen vor gelassen) gibt es spezialisiertere Geräte, die durch ihre hoch optimierte Kombination aus Hard- und Software und proprietäre Ansätze meist kleiner und stromsparender, aber vor allem auch stabiler und günstiger sind. Klassische Beispiele sind hier natürlich die beiden Spielkonsolen Xbox 360 und Playstation 3, die zu einem gewissen Grad Multimedia-Anforderungen erfüllen. Sie können DVDs und HD-Medien abspielen, bieten mittlerweile Video-On-Demand-Dienste, und können verschiedene Medien von Festplatte oder USB-Medien abspielen. Die PS3 kann über ein umständliches Addon auch DVB-T aufnehmen. Doch die vorhandenen Multimedia-Funktionen sind in Anzahl und Umsetzung stark begrenzt, und erweitert werden können sie nicht. Auch lautstärkemäßig sind sie selbst in den jüngsten Revisionen verbesserungswürdig.


Spielkonsole mit eingeschränkten Multimedia-Features

Einen etwas anderen Ansatz stellen Media-Player wie Apple TV, Roku Player, Boxee und die ganzen billigen Streaming-Clients dar. Diese bieten mindestens ein Video- und Audiostreaming von Mac oder PC (womit man wieder auf einen PC angewiesen wäre) und unterschiedlich vielzählige Zusatzfunktionen. Apple TV punktet mit einer nahezu perfekten Video-on-Demand-Integration von iTunes und Netflix (naja, wenn man mal von der fehlenden Kaufmöglichkeit absieht) und einer komfortablen Einbindung von YouTube (Web-Video – das gibt es ironischerweise nicht mal beim Windows Media Center). Die Roku Player toppen das, indem sie sich durch Apps, sogenannte „Channels”, erweitern lassen, kratzen dabei aber nur an den unbegrenzten Möglichkeiten.



Google geht nun mit Google TV einen eigenen Weg, der auf den ersten Blick die Vorteile von integrierten Set-Top-Boxen und HTPCs vereint. Bei genauerem Hinsehen erinnert es aber eher an die fehlgeschlagenen Versuche aus den 90ern, TV und Internet zu kombinieren, es kombiniert also die Nachteile von Set-Top-Boxen und HTPCs. David Pogue schreibt in seinem Review: „This much is clear: Google TV may be interesting to technophiles, but it’s not for average people. On the great timeline of television history, Google TV takes an enormous step in the wrong direction: toward complexity.“ (@NYTimes, erfordert kostenlose Registrierung) Anders formuliert: Google TV ist ein HTPC mit Android.


Ohne Scheiß: Das ist die offizielle Google-TV-Fernbedienung von Sony.

Wie wünsche ich mir nun die zukünftige Entwicklung? Ich wünsche mir „App Consoles”. Das ist ein Begriff, der ursprünglich dem iPhone und iPad zugeschrieben wurde und im Vorfeld der Apple-TV-2-Veröffentlichung im Web herumschwirrte. Das iPad ist ein mobiler Computer, aber ohne die Administration, ohne die Wartung, ohne die Instabilität und Fehleranfälligkeit. Man hat einfach ein Gerät, auf das man per Fingertipp Apps installieren und diese per Fingertipp starten kann, fertig. Dinge wie Dateiaustausch, Multitasking und Kompatibilität sind auch hier möglich, nur eben auf das wesentliche reduziert. Google TV arbeitet mit WebApps und ab nächstem Jahr auch mit nativen Apps, doch die ganze Bedienung ist (in ihrer derzeitigen Form) einfach zu kompliziert, zu umständlich, zu 90er-Jahre. Roku geht hier einen sehr viel interessanteren Weg, doch leider sind die Boxen nicht sehr leistungsfähig und die Apps scheinen weder Multitasking noch irgendeine tiefere Integration ins System zu ermöglichen, und das Look-and-Feel scheint auch nicht immer gewahrt zu bleiben.


Apples App Store: Ein Tippser ist alles, was einen von einer neuen Anwendung trennt. Keine Installationseskapaden, keine Kompatibilitätsprobleme, kein Usability-Verlust.

Die ideale App Console: Windows Media Center als Set-Top-Box. Ich halte WMC für die ideale Media-Center-UI. Microsoft hat sogar ein Betriebssystem für integrierte Systeme, nämlich Windows 7 Embedded. Was ich mir nun wünschen würde wäre eine Aufrüstung der Plugin-Architektur und idealerweise auch eine Media-Center-interne Unterstützung externer Anwendungen – ich denke da z.B. an Videospiele. Das ganze dann auf einer x86-STB. Z.B. als Basis mit Atom oder für Spiele mit schnellerer Hardware, die Microsoft in Leistungsklassen einteilen könnte (siehe SD-Cards oder der Windows Leistungsindex). Im Endeffekt hätte man dann eine STB oder einen TV mit integriertem Windows Media Center, das sich über einen eingebauten App Store erweitern ließe. Mit Multimedia-Anwendungen wie Last.fm, Pandora oder Flickr-Fotos, oder aber mit Videospielen aus dem Games-for-Windows-Onlinestore. Alles per Fernbedienung bedienbar, alles ohne Wartungsaufwand. Quasi wie ein Zune HD in Groß. Wenn sie dann noch Kinect-Unterstützung einbauen würden, könnten sie mit Leichtigkeit die Konkurrenz vom Markt fegen!

Leider ist Microsoft ein langsames Schlachtschiff, das in allen Kriegen gleichzeitig mitmischen will und deswegen ziellos im Kreis fährt.


Zune HD am TV angeschlossen.

Aktualisiert: 19.11.2010 um 15:11 von Angel

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Kommentare

  1. Benutzerbild von alROD
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    Hallo Angel,

    vielen Dank für die Zusammenstellung und deine übergreifenden Gedanken zu dem Thema. Wir "nerds" stehen zum HTPC, aber zum Glück haben dann viele doch noch das schlechte Gewissen "Frau" hinter sich, die Einfachheit fordert, was du gedanklich ganz gut erläutert hast.

    Weiter so, das ist mal ein Blogbeginn!
  2. Benutzerbild von Angel
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    Danke für das Kompliment! Ich hatte das schon länger vor, aber erst gestern habe ich spontan mit dem Schreiben angefangen.

    Ich denke mit einer Plugin-Architektur (Apps) ließe sich auch so eine Settop-Box noch genug erweitern, zumindest auf Software-Seite. Lediglich auf Hardware-Seite müsste man sich mit Fertiglösungen zufrieden geben, aber wäre das wirklich so schlimm? Ich glaube das Lager der Selberbauer unterteilt sich grob in drei Lager: Die, die sich aus Preisgründen lieber selbst etwas zusammenbauen; die, die sich notgedrungen als Kompromisslösung etwas zusammenbauen; und eben die, die wirklich Spaß am Schrauben haben. Die ersten beiden Lager wären mit dem oben genannten Vorschlag besser bedient und die „Bastler” hätten eben weiterhin ihre Nische.
  3. Benutzerbild von Angel
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    Engadget hat kürzlich einen ähnlichen Artikel verfasst und ich habe letztens aufgeschnappt, dass bald wohl die ersten TVs mit Windows 7 Embedded und WMC erscheinen sollen.
  4. Benutzerbild von masterkey
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    Was spricht eigentlich gegen den Weg einen aktuellen Linux-Reciever mit einer HTPC-Oberfläche zu versorgen. Der Medienplayer, ein Bildbetrachter und Live-TV gehen damit in der Regel doch schonmal ganz gut. Was eigentlich nur fehlt ist eine nette Oberfläche.

    Aber schön zu sehen, dass sich noch andere solche Fragen stellen... Wir sind halt Nerds... ;-)